Der Alltag eines Autors hat wenig mit dem zu tun, was soziale Netzwerke gern zeigen. Keine ständige Inspiration, kein dauerhaftes Flow-Gefühl, keine magischen Nächte, in denen sich Romane wie von selbst schreiben. Wer ernsthaft schreibt, kennt vor allem eines: Arbeit.
Ein realistischer Schreibtag beginnt nicht mit einem Geistesblitz, sondern mit einer Entscheidung. Hinsetzen. Öffnen. Anfangen. Oft ohne Lust, oft mit Zweifeln, fast immer mit dem Gefühl, dass der Text gestern besser klang als heute. Das ist kein Zeichen von mangelndem Talent – das ist normal.
Viele Texte entstehen nicht aus Begeisterung, sondern aus Disziplin. Kapitel werden geschrieben, obwohl sie sich sperrig anfühlen. Szenen werden überarbeitet, gestrichen, neu gedacht. Ganze Absätze landen im Papierkorb. Nicht, weil sie schlecht geschrieben sind, sondern weil sie nicht funktionieren. Schreiben heißt auch: loslassen können.
Der romantische Mythos vom „geborenen Autor“ ist dabei nicht nur falsch, sondern gefährlich. Er suggeriert, dass Schreiben leicht sein müsse, wenn man „wirklich dafür gemacht“ ist. In Wahrheit ist es genau umgekehrt: Wer schreibt, kämpft. Mit Zeit, mit Konzentration, mit Selbstzweifeln. Und trotzdem macht er weiter.
Auch Pausen gehören dazu. Tage, an denen nichts geht. Wochen, in denen ein Text stagniert. Das ist kein Scheitern, sondern Teil des Prozesses. Problematisch wird es erst, wenn man diese Phasen als persönliches Versagen deutet – oft genährt durch idealisierte Außenbilder anderer.
Ein realistischer Schreiballtag ist unspektakulär. Er besteht aus Routinen, Wiederholungen und kleinen Fortschritten. Aus einem Absatz mehr als gestern. Aus einer Szene, die endlich klickt. Aus der Erkenntnis, dass Schreiben kein Zustand ist, sondern ein Handwerk.
Wer das akzeptiert, schreibt langfristig besser – und gesünder. Ohne Selbstbetrug. Ohne falsche Erwartungen. Und ohne den Druck, einem Bild entsprechen zu müssen, das mit der Realität nichts zu tun hat.
