AKTIOKRAT VERLAG Bücher • Serien • Welten

Suche nicht die Inspiration – sie findet dich

Wie eine Geschichte entstehen kann.

Ein deutsches U-Boot aus dem 2. Weltkrieg das auf dem Meeresgrund liegt. Der Schein der Wasseroberfläche ist noch zu erkennen.
Ein stählerner Sarg am Grund des Atlantik.

04.05.2026

Als Kind habe ich unzählige Stunden mit den Hörspielen von Die drei Fragezeichen verbracht. Und auch heute kehre ich immer wieder zu ihnen zurück.

Eine Folge inspirierte mich plötzlich, obwohl ich sie unzählige male bereits gehört hatte: Das Riff der Haie.

Gegen Ende löst Justus Jonas den Fall auf. Fast beiläufig erwähnt er dabei ein Detail, das nur wenig mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat – und genau darin liegt seine Kraft:
Ein gesunkenes japanisches U-Boot vor der Küste Kaliforniens.
Ein Mann an Bord, der unter falschem Namen lebte.
Und ein letzter Satz:

Er wollte nicht unter falschem Namen sterben.

Mehr nicht.

Kein großes Drama, keine ausgeschmückte Szene. Nur ein Gedanke, hingeworfen – und doch bleibt er hängen.

Dieser eine Satz hat bei mir etwas ausgelöst.
Nicht sofort, nicht geplant. Aber er war da.

Ich habe mich gefragt:
Wer war dieser Mann?
Warum lebte er unter falschem Namen?
Und was bedeutet es, sich erst im Angesicht des Todes zu seiner wahren Identität zu bekennen?

Ich bin bei einem U-Boot geblieben.
Allerdings nicht vor Kalifornien, sondern im Atlantik – an Bord eines deutschen Seewolfs.

Aus diesem Gedanken heraus entstand eine Kurzgeschichte. Eine über Schuld, Identität – und einen Dämon aus Südamerika, der mehr ist als nur eine Legende.

Und genau darum geht es:
Inspiration lässt sich nicht erzwingen.

Du kannst dir vornehmen, Geschichte zu schreiben. Du kannst optimistisch sein. Aber nichts davon ersetzt den Moment, in dem aus einem Gedanken eine Idee wird.

Sie steckt oft in den unscheinbaren Momenten.
In Nebensätzen.
In Ideen, die gar nicht für dich gedacht waren – und dich trotzdem treffen und etwas in dir in Gang setzen.

Du musst sie nicht suchen.
Du musst nur bereit sein, sie zu erkennen.

Aus diesem Gedanken entstand die Geschichte „Die Amphore der Inkas“.

Ihr Anfang setzt dort an, wo Realität und Erinnerung beginnen, sich zu überlagern – und Identität nicht mehr eindeutig ist.
Hier eine etwas gekürzte Fassung für diesen Artikel.

Kapitel 1: Der Grund

Wir lagen seit drei Stunden still.

Die Tiefenruder standen auf neutral, die Maschinen waren abgeschaltet, und das Boot ruhte schwer im Schlamm des Meeresgrundes. Vierzig, vielleicht fünfundvierzig Meter. Niemand wusste es genau. Das Echolot hatte versagt, kurz bevor die letzte Wasserbombe fiel.

Ich erinnere mich noch an das Zittern des Rumpfes. Nicht das Krachen – daran gewöhnt man sich. Es war dieses metallene Nachhallen, als würde der Stahl selbst überlegen, ob er nicht zerbersten will.

Die Männer hatten ihre Posten nicht verlassen. Man sitzt dann einfach da. Wartet. Lauscht.

Wasserbomben klingen unter Wasser anders, als man es sich vorstellt. Kein Donner. Mehr ein dumpfer Schlag, der durch Knochen und Zähne fährt. Die Lampen flackerten, einmal fiel das Licht für Sekunden aus. Niemand sagte etwas.

Die Zerstörer kreisten über uns. Wir hörten ihre Schrauben deutlich. Erst nah, dann entfernter. Dann wieder näher. Jedes Mal hielt jemand unwillkürlich den Atem an, als könne das Boot dadurch kleiner werden.

Wir waren im Gefecht überrascht worden. Ein Konvoi, dichter Nebel, ein falscher Winkel. Ich hatte befohlen, tiefer zu gehen. Zu spät. Die erste Detonation kam steuerbord achtern. Danach zählte ich nicht mehr mit.

Jetzt lagen wir unten.

Still.

Die Luft roch nach Öl, Schweiß und Batterie. Ein süßlicher, beißender Geruch, der sich im Hals festsetzte. Ich ging durch das Boot, langsam, ohne Hast. Ein Kommandant darf in solchen Momenten keine Eile zeigen. Eile ist ansteckend.

Wir flüsterten.

„Maschinenraum?“

„Bereit, Herr Kapitänleutnant. Leckage achtern gesichert.“

„Vorderer Torpedoraum?“

„Keine weiteren Schäden.“

Die Männer sahen mich an, als hätte ich Einfluss auf den Druck über uns. Draußen entfernten sich die Schraubengeräusche langsam nach Westen.

Vielleicht hatten sie aufgegeben.
Vielleicht warteten sie nur.

Ich blieb in der Zentrale stehen und lauschte in das Schweigen des Bootes. Es ist ein eigenartiges Schweigen. Nicht leer. Eher gespannt. Als lausche auch das Meer zurück.

Dann hörte ich hinter mir eine Stimme.

„Herr Kapitänleutnant…“

Leise. Nicht panisch.

Ich wandte mich um.

„Was gibt es?“

Der Matrose stand reglos zwischen Funkraum und Zentrale. Sein Gesicht wirkte im schwachen Licht blass, fast wie aus Wachs.

Er sah mich an, als müsse er eine Beichte ablegen.

„Ich bin nicht der, für den Sie mich halten.“

Ich sah ihn einen Augenblick an.

„Name.“

„Fritz Streik, Herr Kapitänleutnant.“

„Dienstgrad.“

„Matrose, Funkmaat in Ausbildung.“

„Seit wann befinden Sie sich an Bord?“

„Seit Kiel, Herr Kapitänleutnant.“

„Dann sind Sie der, für den ich Sie halte.“

Ein leises Knacken lief durch den Rumpf. Irgendwo tropfte Wasser.

Der Mann schluckte, wich meinem Blick aber nicht aus.

„Mit Verlaub, Herr Kapitänleutnant… nein.“

Ich trat einen Schritt näher.

„Sie stehen unter Gefechtsbelastung, Streik. Halten Sie sich zusammen.“

„Ich halte mich zusammen, Herr Kapitänleutnant.“

Er sprach leise, aber ohne Zittern.

Draußen waren die Schraubengeräusche nur noch fern.

Ich verschränkte die Hände hinter dem Rücken.

„Dann erklären Sie mir in einem Satz, was Sie meinen.“

Eine kurze Pause.

„Mein Name ist Ramon Gonszales.“

Ein Mann im Hintergrund atmete scharf ein. Ich hob die Hand, ohne mich umzudrehen. Ruhe.

„Nationalität?“

„Spanisch.“

„Unzutreffend. Sie sind in Flensburg geboren.“

Er nickte.

„Ja, Herr Kapitänleutnant. Das ist Fritzens Leben.“

Ich musterte ihn.

„Sie befinden sich nicht in einer Position für Scherze.“

„Das ist kein Scherz.“

Ich trat noch näher heran.

„Wenn Sie nicht Fritz Streik sind – wo befindet er sich dann?“

Zum ersten Mal zögerte er.

„Ebenfalls an Bord.“

„Und seit wann wollen Sie nicht mehr Fritz Streik sein?“

„Seit Vigo.“

Das Wort hing in der Luft.

Niemand sprach.

„Wir waren vor acht Tagen in Vigo“, sagte ich ruhig.

„Ja, Herr Kapitänleutnant.“

Ich sah ihn lange an.

„Warum jetzt?“

Eine kaum merkliche Regung ging über sein Gesicht.

„Weil ich nicht unter falschem Namen sterben möchte.“

Stille.

Ich hielt seinem Blick stand.

„Gut“, sagte ich schließlich. „Dann erzählen Sie. Wer sind Sie wirklich?“


Die Geschichte „Die Amphore der Inkas“ ist abgeschlossen.

Sie wird Teil eines kommenden Kurzgeschichtenbands, in dem mehrere Erzählungen aufeinandertreffen, die sich mit Identität, Schuld und dem Unausgesprochenen beschäftigen.

Dieser Auszug zeigt nur den Moment, in dem aus einem Gedanken eine Geschichte wurde.