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Wenn eine Geschichte erzählt ist, ist sie erzählt

Wenn eine Geschichte erzählt ist, ist sie erzählt

Es gibt eine Frage, die unter Autoren immer wieder auftaucht: Wie lang darf ein Roman sein?

50.000 Wörter? 80.000? 120.000? Oder vielleicht sogar 450.000?

In Diskussionen darüber dauert es meistens nicht lange, bis jemand erklärt, welche Wortzahl für welches Genre angemessen sei. Krimis sollten möglichst straff erzählt werden, Fantasy dürfe etwas umfangreicher ausfallen, und wer einen Roman mit mehreren Hunderttausend Wörtern schreibt, müsse sich zwangsläufig fragen lassen, ob sich die Geschichte nicht auch kürzer erzählen ließe.

Meine Antwort darauf ist einfach: Natürlich lässt sie sich kürzer erzählen.

Die Frage ist nur, ob es anschließend noch dieselbe Geschichte ist.

Eine Geschichte ist keine mathematische Aufgabe

Ich habe Geschichten geschrieben, die mit ungefähr 25.000 Wörtern ausgekommen sind. Andere benötigten 55.000. Und derzeit arbeite ich an einem Roman, der möglicherweise einen Umfang von rund 450.000 Wörtern erreichen wird.

Das sind gewaltige Unterschiede. Aber ich sehe darin keinen Widerspruch.

Ich setze mich nicht an meinen Schreibtisch und beschließe, dass die Geschichte, die ich erzählen möchte, exakt 80.000 Wörter umfassen muss. Ich habe durchaus Vorstellungen davon, welcher Umfang für einen Roman sinnvoll ist und wann ein Text eher eine Kurzgeschichte oder eine Novelle wird. Solche Orientierungen sind hilfreich, gerade wenn es um die spätere Veröffentlichung geht.

Aber sie bestimmen nicht, was meine Figuren erleben dürfen.

Wenn eine Geschichte nach 25.000 Wörtern zu Ende ist, dann ist sie zu Ende. Ich werde nicht weitere 30.000 Wörter hinzufügen, nur damit auf dem Umschlag Roman stehen kann.

Und wenn eine andere Geschichte 450.000 Wörter benötigt, werde ich sie nicht auf 100.000 reduzieren, nur weil jemand der Meinung ist, ein Buch dürfe nicht länger sein.

Denn die Wortzahl sagt zunächst nur etwas über den Umfang aus. Nicht über die Qualität.

Man kann Stephen Kings „Es“ auch auf 30 Seiten erzählen

Nehmen wir Stephen Kings Roman „Es“.

Die eigentliche Handlung lässt sich erstaunlich knapp zusammenfassen. In der Kleinstadt Derry verschwinden Kinder. Eine Gruppe von Freunden entdeckt, dass hinter den Ereignissen ein uraltes Wesen steckt. Sie stellen sich ihm entgegen und müssen viele Jahre später zurückkehren, um die Auseinandersetzung zu Ende zu bringen.

Daraus ließe sich ohne Weiteres eine kurze Erzählung machen.

Vielleicht sogar eine spannende.

Aber wäre es noch das „Es“, das Millionen Leser kennen?

Was diesen Roman für mich interessant macht, ist nicht allein Pennywise. Es sind die Kinder. Ihre Freundschaften, ihre Familien, ihre Ängste, ihre Konflikte und ihre gemeinsamen Erlebnisse. Es ist die Stadt Derry, deren Geschichte und Atmosphäre sich allmählich entfalten.

Stephen King lässt mich nicht einfach wissen, dass diese Kinder befreundet sind.

Er lässt mich ihre Freundschaft erleben.

Ich begleite sie. Ich höre ihnen zu. Ich erlebe ihre Streitigkeiten, ihren Humor und ihre Sorgen. Irgendwann habe ich nicht mehr das Gefühl, eine Gruppe fremder Kinder zu beobachten.

Ich fühle mich, als gehörte ich dazu.

Und genau das ist für mich der entscheidende Unterschied zwischen einer Geschichte, die lediglich Informationen vermittelt, und einer Geschichte, die mich wirklich erreicht.

Ich möchte nicht zuschauen. Ich möchte dabei sein.

Ein guter Roman kann etwas schaffen, das weit über die Vermittlung einer Handlung hinausgeht.

Er kann den Leser zu einem Teil seiner Welt machen.

Wenn ich über eine Gruppe von Menschen lese, möchte ich nicht nur erfahren, wer diese Menschen sind. Ich möchte sie kennenlernen. Ihre Eigenheiten entdecken. Ihre Gespräche verfolgen. Verstehen, weshalb sie miteinander befreundet sind, weshalb sie streiten oder warum einer von ihnen etwas tut, das die anderen niemals tun würden.

Ich möchte mit ihnen lachen können.

Und wenn einer von ihnen stirbt, möchte ich ihn vermissen.

Das funktioniert nicht dadurch, dass mir ein Erzähler auf einer halben Seite erklärt, wie liebenswert ein Mensch gewesen sei.

Natürlich kann auch eine kurze Geschichte emotional berühren. Aber die besondere Bindung, die durch viele gemeinsam erlebte Szenen entsteht, ist eine andere Erfahrung.

Es ist der Unterschied zwischen dem Wissen, dass jemand gestorben ist, und dem Gefühl, jemanden verloren zu haben.

Und für diese Art des Erzählens braucht es manchmal Zeit.

Manchmal sehr viel Zeit.

Eine Figur besteht nicht aus einer Liste von Eigenschaften

Nehmen wir einen extravaganten Mann.

Ich könnte ihn folgendermaßen beschreiben:

Er trug ungewöhnliche Kleidung, kaufte ausschließlich in teuren Boutiquen ein, besuchte nur die besten Restaurants und hielt viel von seinem gesellschaftlichen Ansehen.

Damit hätte ich einige Eigenschaften vermittelt.

Aber kenne ich diesen Menschen jetzt?

Nein.

Ich weiß lediglich, was der Erzähler über ihn behauptet.

Interessanter wäre es doch, diesen Mann zu begleiten. Ihn in einem Geschäft zu erleben, in dem er einen Anzug entdeckt, der eigentlich für jemand anderen angefertigt wurde. Zu beobachten, wie er mit dem Verkäufer spricht. Wie er reagiert, wenn man ihm widerspricht. Ob er großzügig ist oder herablassend. Ob seine Extravaganz Ausdruck von Selbstbewusstsein ist oder vielleicht etwas verdeckt, das er nicht zeigen möchte.

Plötzlich erfahre ich nicht nur etwas über seine Kleidung.

Ich lerne einen Menschen kennen.

Vielleicht finde ich ihn arrogant. Vielleicht amüsant. Vielleicht entwickelt sich sogar eine gewisse Sympathie.

Entscheidend ist, dass ich mir dieses Urteil selbst bilden kann.

Der Autor hat mir nicht vorgeschrieben, was ich von seiner Figur halten soll. Er hat mir die Gelegenheit gegeben, sie kennenzulernen.

Das ist für mich gutes Erzählen.

Nicht erzählen. Erleben lassen.

In der Literatur begegnet man immer wieder dem Grundsatz „Show, don’t tell“.

Zeigen, nicht erzählen.

Ich würde diesen Gedanken für meine eigene Arbeit noch etwas anders formulieren:

Erzähl es nicht. Lass es den Leser erleben.

Natürlich besteht ein Roman aus Sprache. Und selbstverständlich braucht jede Geschichte auch zusammenfassende Passagen, Übergänge und Informationen. Nicht jede Kleinigkeit muss in einer ausführlichen Szene dargestellt werden.

Aber wenn etwas für die Figuren, ihre Beziehungen oder die Atmosphäre einer Geschichte wichtig ist, möchte ich es nicht einfach behaupten.

Ich möchte es erfahrbar machen.

Eine Freundschaft entsteht für den Leser nicht dadurch, dass ich schreibe, zwei Menschen seien seit zwanzig Jahren unzertrennlich.

Sie entsteht durch die Momente, die diese Freundschaft sichtbar machen.

Durch gemeinsame Erinnerungen, kleine Gesten, vertraute Bemerkungen, Auseinandersetzungen und Entscheidungen.

Und manchmal sind es gerade die scheinbar unbedeutenden Szenen, die später eine enorme Wirkung entfalten.

Ein gemeinsames Abendessen mag für die eigentliche Handlung vollkommen nebensächlich sein. Vielleicht wird dabei kein Geheimnis gelüftet, niemand bedroht und keine entscheidende Information entdeckt.

Aber möglicherweise lerne ich während dieses Essens etwas über die Menschen, das mir später wichtig wird.

Vielleicht ist es genau diese Szene, an die ich zurückdenke, wenn einer von ihnen nicht mehr am Tisch sitzt.

Sollte ich sie also streichen, nur weil sie die Handlung nicht unmittelbar voranbringt?

Ich finde nicht.

Wie viel Raum braucht ein Mensch?

Dasselbe Prinzip gilt für die Figuren selbst.

Manche Charaktere lassen sich auf wenigen Seiten vollständig erfassen. Andere besitzen eine vielschichtige Persönlichkeit, eine komplizierte Vergangenheit, widersprüchliche Überzeugungen und Beziehungen, die sich im Laufe einer Geschichte verändern.

Warum sollte ich beiden denselben erzählerischen Raum geben?

Ein Mensch, dessen Persönlichkeit für die Geschichte nur in wenigen Facetten bedeutsam wird, benötigt möglicherweise keine ausführliche Entwicklung.

Ein anderer Charakter kann dagegen über Hunderte Seiten hinweg neue Seiten von sich zeigen.

Das bedeutet nicht, dass Länge automatisch Tiefe erzeugt.

Es bedeutet, dass Tiefe Raum bekommen darf.

Ich möchte eine Figur nicht künstlich kompliziert machen, um mehr Seiten zu füllen. Aber ich möchte sie auch nicht auf ein paar Eigenschaften reduzieren, wenn ihre Persönlichkeit wesentlich mehr hergibt.

Ein Charakter ist für mich dann ausreichend erzählt, wenn der Leser ihn so weit kennengelernt hat, wie es die Geschichte verlangt.

Nicht früher.

Und nicht später.

Nicht jeder Leser sucht dieselbe Erfahrung

Natürlich gibt es Menschen, denen ein Roman mit 450.000 Wörtern zu lang ist.

Das ist vollkommen in Ordnung.

Es gibt schließlich auch Kinobesucher, die keine dreistündigen Filme sehen möchten. Sie bevorzugen 90 Minuten, eine konzentrierte Handlung und ein zügiges Ende.

Andere genießen gerade die Möglichkeit, drei Stunden in einer fremden Welt zu verbringen.

Wieder andere schauen sich lieber eine Zusammenfassung einer Fernsehserie an, statt sämtliche Folgen selbst zu erleben.

All diese Vorlieben haben ihre Berechtigung.

Aber daraus lässt sich doch nicht ableiten, dass die ausführlichere Erzählform grundsätzlich schlechter wäre.

Wer eine Zusammenfassung bevorzugt, sucht eine andere Erfahrung als jemand, der sich über viele Stunden mit einer Geschichte beschäftigen möchte.

Das eine ist nicht automatisch besser als das andere.

Es ist schlicht etwas anderes.

Und deshalb muss auch nicht jedes Buch jedem Leser gefallen.

Wenn jemand einen umfangreichen Roman liest und anschließend sagt, ihm sei das alles zu ausführlich gewesen, kann ich das akzeptieren. Vielleicht entspricht diese Art des Erzählens einfach nicht seinem Geschmack.

Was ich allerdings problematisch finde, ist die Vorstellung, aus dieser persönlichen Vorliebe eine allgemeingültige Regel ableiten zu können.

Nur weil jemand keine langen Bücher mag, sind lange Bücher nicht grundsätzlich zu lang.

Die Welt braucht Platz, um lebendig zu werden

Eine Geschichte besteht für mich nicht ausschließlich aus ihrer Haupthandlung.

Sie besteht aus Menschen, Orten, Erinnerungen, Beziehungen, Gewohnheiten und all den kleinen Dingen, die eine Welt glaubwürdig machen.

Wenn ich einen Roman lese, möchte ich nicht ständig das Gefühl haben, von einem Handlungspunkt zum nächsten geschoben zu werden.

Ich möchte gelegentlich verweilen dürfen.

Einen Ort kennenlernen. Ein Gespräch verfolgen. Die Atmosphäre einer Straße spüren. Erleben, wie sich Menschen verhalten, wenn gerade kein Verbrechen aufgeklärt und keine unmittelbare Gefahr überwunden werden muss.

Denn auch in solchen Momenten findet eine Geschichte statt.

Vielleicht verändert sich gerade die Beziehung zweier Figuren. Vielleicht erfahre ich etwas über ihre Vergangenheit. Vielleicht entsteht einfach nur das Gefühl, dass diese Welt auch dann weiterexistieren würde, wenn ich das Buch für einen Augenblick zur Seite lege.

Und genau dieses Gefühl ist für mich von unschätzbarem Wert.

Eine Welt wird nicht dadurch lebendig, dass ich möglichst viele Informationen über sie zusammentrage.

Sie wird lebendig, wenn ich den Leser in ihr leben lasse.

Wenn die Geschichte erzählt ist, ist sie erzählt

Am Ende komme ich deshalb immer wieder zu demselben Gedanken zurück.

Eine Geschichte braucht nicht möglichst viele Wörter.

Sie braucht die richtigen Wörter und den Raum, in dem sie ihre Wirkung entfalten können.

Manche Geschichten benötigen dafür 25.000 Wörter. Andere 55.000. Wieder andere mehrere Hunderttausend.

Ich halte nichts davon, einen Text künstlich aufzublähen. Ebenso wenig halte ich etwas davon, ihn allein deshalb zu kürzen, weil er eine bestimmte Wortzahl überschreitet.

Natürlich muss ich als Autor prüfen, ob meine Szenen funktionieren, ob meine Figuren glaubwürdig bleiben und ob der erzählerische Umfang gerechtfertigt ist.

Aber ich möchte diese Entscheidungen anhand der Geschichte treffen.

Nicht anhand einer Zahl.

Denn mein Ziel ist nicht, dem Leser möglichst schnell mitzuteilen, was geschehen ist.

Ich möchte, dass er dabei war.

Dass er Menschen kennengelernt hat, die ihm etwas bedeuten. Dass er Orte wiedererkennt, obwohl er niemals dort gewesen ist. Dass er sich an Gespräche erinnert, die nie wirklich stattgefunden haben.

Und dass er am Ende eines Romans vielleicht für einen Augenblick traurig ist, weil er eine Welt verlassen muss, in der er sich längst zu Hause gefühlt hat.

Wenn mir das gelingt, dann hat die Geschichte ihren Raum verdient.

Ganz gleich, wie viele Wörter dafür notwendig waren.

Denn wenn eine Geschichte erzählt ist, ist sie erzählt. Nicht dann, wenn irgendein Wortzähler eine bestimmte Zahl erreicht hat.