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Ich habe mich geirrt. Na und?

Ich habe mich geirrt. Na und?

Warum es mehr Rückgrat braucht, seine Meinung zu ändern, als einen Fehler bis zum Ende zu verteidigen

Wir diskutieren lieber eine weitere Stunde. Wir suchen nach irgendeinem Detail, mit dem wir vielleicht doch noch recht haben könnten. Wir verschieben die Argumentation, relativieren frühere Aussagen oder erklären dem anderen, dass er uns falsch verstanden habe.

Hauptsache, wir müssen eines nicht sagen:

Ich lag falsch.

Warum eigentlich?

Wir verwechseln Haltung mit Sturheit

Zu seiner Meinung zu stehen, gilt als Stärke.

Und grundsätzlich ist daran nichts falsch.

Wer bei jedem Gegenwind einknickt, seine Überzeugungen danach ausrichtet, wer gerade vor ihm steht, und ständig überlegt, was andere von ihm halten könnten, besitzt tatsächlich wenig Haltung.

Aber daraus folgt nicht, dass eine einmal gefasste Meinung für den Rest des Lebens verteidigt werden muss.

Das wäre keine Haltung.

Das wäre Sturheit.

Ein Mensch mit Rückgrat braucht eigene Überzeugungen. Aber er muss auch den Mut besitzen, diese Überzeugungen immer wieder gegen die Realität zu prüfen.

Ich kann gestern aufgrund der Informationen, die ich hatte, zu einem bestimmten Ergebnis gekommen sein.

Heute bekomme ich neue Informationen.

Und plötzlich merke ich:

Verdammt. Das verändert die Sache.

Was mache ich jetzt?

Verteidige ich meine alte Position, weil sie meine Position war?

Oder ändere ich sie, weil ich heute etwas weiß, das ich gestern noch nicht wusste?

Für mich ist die Antwort eindeutig.

Deine Meinung ist nicht deine Identität

Vielleicht liegt genau hier das Problem.

Wir machen aus Meinungen Identitäten.

Wir sagen nicht mehr:

„Ich halte diese Position für richtig.“

Sondern wir denken:

„Diese Position gehört zu mir.“

Und damit wird jeder Angriff auf unsere Meinung plötzlich zu einem Angriff auf uns selbst.

Das sieht man besonders gut in sozialen Netzwerken.

Jemand schreibt etwas. Ein anderer widerspricht. Es kommen Argumente und Gegenargumente. Irgendwann wird offensichtlich, dass eine ursprüngliche Behauptung so nicht stimmt.

Eigentlich könnte die Diskussion jetzt vorbei sein.

„Stimmt. Das wusste ich nicht.“

Fertig.

Stattdessen beginnt häufig erst jetzt der eigentliche Kampf.

Denn inzwischen geht es gar nicht mehr um die Sache.

Es geht ums Gewinnen.

Der andere darf nicht recht bekommen.

Also werden Nebenschauplätze eröffnet. Alte Beiträge herausgesucht. Formulierungen auseinandergenommen. Persönliche Angriffe gestartet.

Am Ende diskutieren zwei Menschen über fünf vollkommen andere Dinge, weil keiner von beiden bereit ist, einen einzigen Satz auszusprechen:

„Da hattest du recht.“

Das soll Stärke sein?

Ich sehe darin eher das Gegenteil.

Ein Irrtum macht dich nicht schwächer

Ich habe in meinem Leben Dinge geglaubt, die ich heute anders sehe.

Natürlich habe ich das.

Wer das von sich nicht behaupten kann, hat entweder seit seiner Jugend sämtliche Antworten auf die großen Fragen des Lebens gefunden – oder irgendwann aufgehört, über seine eigenen Ansichten nachzudenken.

Menschen verändern sich.

Wir machen Erfahrungen.

Wir lernen andere Menschen kennen.

Wir scheitern.

Wir lesen.

Wir beobachten.

Manchmal bekommen wir auf die harte Tour gezeigt, dass etwas, von dem wir vollkommen überzeugt waren, nicht funktioniert.

Warum sollte meine Meinung danach noch dieselbe sein?

Ich möchte heute nicht in allen Punkten derselbe Mensch sein, der ich vor zehn oder zwanzig Jahren war.

Das wäre für mich keine Konsequenz.

Das wäre Stillstand.

Entscheidend ist doch nicht, ob ich mich geirrt habe.

Entscheidend ist, was ich tue, nachdem ich es erkannt habe.

Rückgrat bedeutet nicht, niemals nachzugeben

Ich spreche oft über Haltung, Grenzen und Selbstführung.

Und gerade deshalb gehört für mich die Fähigkeit, einen Irrtum einzugestehen, zwingend dazu.

Selbstführung bedeutet nicht:

Ich habe immer recht.

Selbstführung bedeutet:

Ich bin bereit, mich selbst genauso kritisch zu betrachten wie andere.

Das ist wesentlich unangenehmer.

Es ist leicht, Fehler bei anderen zu finden.

Der Chef ist unfähig.

Der Partner versteht mich nicht.

Die Gesellschaft läuft in die falsche Richtung.

Die Kollegen sind das Problem.

Die Politik ist das Problem.

Die anderen sind das Problem.

Vielleicht stimmt davon sogar einiges.

Aber irgendwann kommt die unangenehme Frage:

Und welchen Anteil habe ich selbst daran?

Vielleicht keinen.

Vielleicht einen kleinen.

Vielleicht einen verdammt großen.

Das herauszufinden verlangt mehr Stärke, als einfach weiter auf alle anderen zu zeigen.

Neue Informationen dürfen zu neuen Antworten führen

Es gibt einen merkwürdigen Vorwurf, den man Menschen gern macht:

„Aber vor drei Jahren hast du noch etwas ganz anderes gesagt!“

Ja.

Und?

Wenn jemand heute ohne jeden erkennbaren Grund das Gegenteil von gestern behauptet, darf man durchaus fragen, wie glaubwürdig das ist.

Aber wenn jemand seine Position nachvollziehbar verändert hat, weil er neue Erfahrungen gemacht, neue Informationen bekommen oder einen eigenen Denkfehler erkannt hat, sehe ich darin keinen Makel.

Im Gegenteil.

Was wäre denn die Alternative?

Ich erkenne, dass ich falschliege, mache aber trotzdem weiter, weil irgendwo ein alter Beitrag von mir existiert?

Das wäre absurd.

Meine Vergangenheit darf mich erklären.

Sie darf mich aber nicht gefangen halten.

Der Unterschied liegt im Warum

Natürlich kann man seine Meinung auch aus den falschen Gründen ändern.

Weil plötzlich Gegenwind kommt.

Weil man dazugehören möchte.

Weil die eigene Position unbeliebt geworden ist.

Weil man Angst vor Konsequenzen bekommt.

Das ist etwas anderes.

Wenn ich heute A sage, morgen in einer anderen Runde B und übermorgen wieder A, habe ich keine Entwicklung durchgemacht.

Dann richte ich meine Überzeugungen nach meinem Publikum.

Eine echte Meinungsänderung funktioniert anders.

Ich habe etwas geglaubt.

Ich habe neue Informationen bekommen oder neue Erfahrungen gemacht.

Ich habe darüber nachgedacht.

Und ich bin zu einem anderen Ergebnis gekommen.

Vielleicht gefällt dieses Ergebnis meinen Freunden nicht.

Vielleicht passt es nicht zu dem, was ich jahrelang erzählt habe.

Vielleicht muss ich sogar zugeben, dass jemand recht hatte, den ich überhaupt nicht leiden kann.

Dann ist das eben so.

Die Wahrheit schuldet mir keine Rücksicht auf mein Ego.

„Ich weiß es nicht“ ist ebenfalls eine Antwort

Es gibt noch einen Satz, mit dem viele Menschen Schwierigkeiten haben:

„Ich weiß es nicht.“

Auch das wird gern als Schwäche verstanden.

Dabei halte ich einen Menschen, der seine Wissensgrenzen kennt, für wesentlich glaubwürdiger als jemanden, der zu jedem Thema innerhalb von dreißig Sekunden eine endgültige Meinung besitzt.

Du musst nicht alles wissen.

Du musst nicht zu allem eine Position haben.

Und du musst schon gar nicht eine Position verteidigen, nur weil du sie irgendwann einmal ausgesprochen hast.

Manchmal lautet die vernünftigste Antwort:

„Darüber weiß ich zu wenig.“

Manchmal:

„Darüber muss ich nachdenken.“

Und manchmal eben:

„Ich habe mich geirrt.“

Stärke braucht keinen Unfehlbarkeitsanspruch

Wer wirklich von sich überzeugt ist, braucht die Illusion der eigenen Unfehlbarkeit nicht.

Ich werde mich wieder irren.

Du wirst dich wieder irren.

Jeder Mensch wird das.

Die interessante Frage lautet deshalb nicht, ob wir Fehler machen.

Die Frage lautet:

Wie gehen wir damit um?

Verstecken wir sie?

Reden wir sie klein?

Beschuldigen wir andere?

Oder besitzen wir genug Rückgrat, um sie anzusehen und daraus Konsequenzen zu ziehen?

Ich möchte lieber heute einen Fehler eingestehen, als ihn die nächsten zehn Jahre verteidigen zu müssen.

Denn meine Meinung gehört mir.

Aber sie ist nicht mein Herr.

Ich darf sie verändern.

Ich darf sie verwerfen.

Ich darf eine neue bilden.

Und wenn mich jemand irgendwann auf etwas anspricht, das ich früher vollkommen anders gesehen habe, kann ich ihm eine erstaunlich einfache Antwort geben:

„Ja. Das habe ich damals so gedacht.“

Und wenn er fragt, warum ich heute etwas anderes sage?

Dann vielleicht einfach:

„Weil ich mich geirrt habe.“

Na und?